Die Streitigkeiten um die Küstenbegrenzungslinie (Kıyı Kenar Çizgisi) gehören zu den komplexesten Themen des türkischen Eigentumsrechts und betreffen tausende von Immobilieneigentümern. Die Feststellung, dass eine Immobilie mit einer zuvor gültigen Eigentumsurkunde (Tapu) durch spätere technische Bestimmungen innerhalb der „Küstenlinie“ liegt, führt zu Fragen des Eigentumsrechts, der Grundbuchlöschung und erheblichen finanziellen Einbußen.
In diesem Leitfaden untersuchen wir das rechtliche Schicksal dieser Immobilien im Lichte der aktuellen Rechtsprechung des Verfassungsgerichts (AYM) und des Kassationshofs (Yargıtay).
1. Was ist die Küstenbegrenzungslinie? Welche Gebiete umfasst sie?
Nach dem Küstengesetz Nr. 3621 gibt es zwei Grundbegriffe im Küstenstreifen:
Küstenlinie (Kıyı Çizgisi): Die Grenze zwischen dem niedrigsten Wasserstand und dem höchsten Flutpunkt.
Küstenbegrenzungslinie (Kıyı Kenar Çizgisi): Die landseitige Grenze natürlicher Gebiete wie Sandstrände, Kiesflächen und Schilfgebiete an Meeren, Seen oder Flüssen.
Rechtliche Folge: Flächen zwischen der Küstenbegrenzungslinie und dem Meer gelten rechtlich als „Küste“. Gemäß Artikel 43 der Verfassung stehen Küsten unter der Hoheit des Staates; sie können nicht Gegenstand von Privateigentum sein und nicht durch Ersitzung (Verjährung) erworben werden.
2. Das Schicksal von Privateigentum an der Küste
Für Immobilien, die ursprünglich im Rahmen von Katasterarbeiten auf den Namen von Personen eingetragen waren, später aber durch aktualisierte Karten als innerhalb der „Küstenbegrenzungslinie“ liegend eingestuft wurden, wird vom Fiskus eine Klage auf Grundbuchlöschung und Neuregistrierung erhoben.
Die Folgen dieser Klage sind:
Grundbuchlöschung: Das Gericht stellt fest, dass die Immobilie kein Privateigentum sein kann, und löscht den Eintrag im Grundbuch.
Registereintrag: Die Immobilie wird aus dem Grundbuch gelöscht und als „nicht registriert“ oder öffentliches Eigentum gekennzeichnet.
Nutzungsbeschränkung: Der Eigentümer darf auf diesem Gelände nicht mehr bauen und verliert jegliche Verfügungsgewalt.
3. Haftung des Staates auf Entschädigung (TMK 1007)
Die wichtigste Frage für betroffene Bürger: „Wer ersetzt mir meinen Schaden?“
Gemäß Artikel 1007 des türkischen Zivilgesetzbuches (TMK) haftet der Staat für alle Schäden, die aus der Führung des Grundbuchs entstehen. Dies ist eine verschuldensunabhängige Haftung. Das bedeutet: Unabhängig davon, ob der Staat einen Fehler gemacht hat, muss der Schaden des Bürgers, der im Vertrauen auf das Grundbuch Eigentümer wurde, ersetzt werden.
Wichtiger Hinweis: Das Verfassungsgericht und der Kassationshof halten es für einen „Eingriff in den Wesensgehalt des Eigentumsrechts“ und für „unverhältnismäßig“, das Grundbuch einer an der Küste verbleibenden Immobilie zu löschen, ohne dem Eigentümer eine Entschädigung zu zahlen.
4. Aktuelle Gerichtsurteile und Präzedenzfälle
Ansatz des Verfassungsgerichts (AYM): Das AYM betont, dass der Staat die Folgen seiner eigenen Verwaltungsfehler (wie fehlerhafte Katasterfeststellungen) nicht dem Bürger aufbürden kann. Wenn die Nutzung der Immobilie blockiert oder das Grundbuch gelöscht wird, muss eine Entschädigung auf Basis des realen Marktwertes gezahlt werden.
Rechtsprechung des Kassationshofs (Yargıtay): Der Kassationshof akzeptiert nicht, dass das Eigentumsrecht nur auf dem Papier besteht. Er sieht vor, dass selbst wenn das Grundbuch nicht gelöscht wird, eine Entschädigungsklage wegen „rechtlicher Enteignung“ erhoben werden kann, wenn die Immobilie aufgrund ihrer Lage innerhalb der Küstenbegrenzungslinie nicht bebaut werden kann.
5. Häufige Fragen zur Entschädigungsklage
| Thema | Erklärung |
| Zuständiges Gericht | Zivilgericht erster Instanz (Asliye Hukuk Mahkemesi) |
| Beklagte Partei | Finanzministerium (vertreten durch das Ministerium für Umwelt, Urbanisierung und Klimawandel) |
| Verjährungsfrist | 10 Jahre ab Rechtskraft des Urteils zur Grundbuchlöschung |
| Entschädigungshöhe | Der aktuelle Marktwert der Immobilie zum Zeitpunkt der Klage (oder der Löschung) |
6. Fazit und rechtliche Unterstützung
Streitigkeiten um die Küstenbegrenzungslinie sind vielschichtige Verfahren, die technische Gutachten, Vermessungsdaten, verfassungsrechtliche Eigentumsrechte und internationales Menschenrechtsrecht umfassen. Daher ist es wichtig, von Beginn an mit einem spezialisierten Anwalt für Immobilienrecht zusammenzuarbeiten.
Vergessen Sie nicht: Eingriffe in das Eigentumsrecht zum Wohle der Allgemeinheit sind möglich, aber eine entschädigungslose Durchführung widerspricht dem Rechtsstaatsprinzip. Wenn die Entscheidungen des Verfassungsgerichts, des Kassationshofs und des EGMR zusammen bewertet werden, ist klar, dass der Staat für die Schäden gutgläubiger Eigentümer aufkommen muss.
Dieser Artikel dient der Information; für spezifische Rechtsstreitigkeiten wird die Konsultation einer Anwaltskanzlei empfohlen.
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